“ARBEITSLOSE JOURNALISTEN GIBT ES NICHT”

Den meisten Lesern in Deutschland sind Zeitungsnamen wie „Hürriyet“ oder „Sabah“ vom Kiosk bekannt, auch wenn sie diese nicht verstehen können. Seit Ende der 1960er gibt es Ableger türkischer Zeitungen in Deutschland. Doch mittlerweile ha- ben die meisten von ihnen entweder aufgegeben oder kämpfen ums Über- leben. Ein Einblick in eine journalisti- sche Nische.

Im Januar 2017 erschien die in Frank- furt produzierte türkische Zeitung „Sa- bah“ mit der Schlagzeile „Korku Sehri“, zu Deutsch: „Stadt der Angst.“ Gemeint war Ludwigshafen. Anlass war die Er- mordung des türkischstämmigen Ge- schäftsmannes Ismail Torun. Die Zei- tung zielte mit einem bewusst grellen Ton auf erhöhte Aufmerksamkeit ab.

Doch Zeitungen wie „Sabah“ sind heute vom Status einer ernstzunehm- enden Stimme weit entfernt. Auch in den 1990er Jahren titelten sie zwar be- reits schrill, überwog bei ihnen der Charakter eines Boulevardblattes. Sie lieferten sich Auseinandersetzungen mit dem damals noch jungen ersten türkischstämmigen Abgeordneten Cem Özdemir, sorgten für Aufregung. Damals hatten sie auch ein gewisses Gewicht, zumindest was ihre Auflagen- stärke anging. So lag die Gesamtauflage türkischsprachiger Zeitungen in Deutschland Mitte der 1990er Jahre und Anfang der 2000er Jahre noch bei über 200.000 Exemplaren pro Tag.

Doch mittlerweile liegen diese Zei- ten weit zurück. Isin Toymaz, Vorsit- zende des 2002 in Frankfurt gegründe- ten Bundes Türkischer Journalisten in Europa (ATGB) und selbst noch in Deutschland in Medien tätig, die tür- kischstämmige Journalisten gründe- ten, schätzt die heutige Auflagenstärke dieser Zeitungen auf fünf bis sechs Pro- zent der Auflage vom Anfang der 2000er Jahre. 90 bis 95 Prozent ihrer Leser hätten sie mittlerweile verloren. „Es gibt hier fast keine Leser mehr, die bereit wären, zum Kiosk zu gehen und aus der Türkei importierte Zeitungen zu kaufen oder diese zu abonnieren. Die Menschen verfolgen die Entwick- lungen aus dem Internet“, stellt sie fest. Sie glaubt auch nicht, dass die einstigen Auflagenzahlen von vor 20 oder 25 Jah- ren je wieder zu erreichen sein werden. Sie gehörten endgültig der Vergangen- heit an, die Zeiten haben sich geändert.

Ein Grund für diese Entwicklung sei, dass sich die Leser in Deutschland von Medienprodukten aus der Türkei nicht mehr angesprochen fühlen und sich von diesen auch nicht bevormunden lassen wollen, so Toymaz. Dies gelte al- lerdings auch für neue Angebote, die von Journalisten prodiziert werden, die aus der Türkei geflohen sind, wie bei- spielsweise das Internetportal „ozgu- ruz.org“ unter der Leitung von Can Dündar, aber auch für „taz Türkce“, die türkischsprachige Beilage der Zeitung aus Berlin. Die Leser hätten diese Angebote nicht angenommen.

Dem Bund Türkischer Journalisten in Europa steht Toymaz seit 2016 vor. An der Anzahl seiner Mitglieder zeichne sich auch die Entwicklung der Presse in der Türkei mit ihren Auswirkungen in Europa wieder. Er hat heute nach eige- nen Angaben um die 80 aktive sowie weitere 150 passive Mitglieder. Zwi- schenzeitlich habe die Zahl ihrer Mit- glieder sogar die 200-Marke erreicht. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit bildet seit dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 der Einsatz für verhaf- tete Journalisten in der Türkei sowie die Thematisierung der immer weiter fortschreitenden Beschränkung der Pressefreiheit in der Türkei. Auch ein Gründungsmitglied des Bundes, der frühere Mitarbeiter des Zentrums für Türkei-Studien in Essen und heutiger „Cumhuriyet“-Journalist Güray Öz, be- fand sich neun Monate lang im Gefäng- nis wegen seiner journalistischen Ar- beit, wie Toymaz unterstreicht. Der Bund arbeite für diese Zielsetzung mit den Landesvertretungen der Deut- schen Journalistenunion (dju) in Hes- sen und Baden-Württemberg zusam- men.

Jede Konzentrationswelle der Pressein der Türkei beziehungsweise der Ver-kauf von Zeitungen an regierungs  freundliche neue Besitzer habe Entlassungen von Journalisten auch hier in Deutschland zur Folge gehabt. Deshalb wird auch nach dem jüngsten Verkauf von Dogan-Medien an einen regie- rungsfreundlichen Unternehmer wie der mit Entlassungen von Journalisten gerechnet. Mit dem Verkauf dieses Konzerns habe die Regierung den letzten Schritt getan, auch auf dem Medi- ensektor eine Monopolstellung zu er- richten.

Die Dogan-Medien seien die letzte Festung der freien Presse in der Türkei gewesen, die auch unterschiedlichen Stimmen Gehör verschafft habe, sagt Toymaz. Seinen Mitarbeitern gegen- über habe sich dieser Konzern jedoch äußerst hart gezeigt. In der Türkei habe Dogan-Medien die Gewerkschaft aus ihren Unternehmen verbannt, in Deutschland habe man der Inan- spruchnahme des gewerkschaftlichen Beistandes äußerst ablehnend gegen- übergestanden.

Nach dem Besitzerwechsel werde beispielsweise auch die Zeitung „Hür- riyet“ eine andere Zeitung werden und ihre Identität ändern, erläutert Isin Toymaz, die aus eigener Erfahrung spricht. Sie arbeitete ehemals für die Zeitung „Sabah“. Diese wechselte ab 2005 mehrmals den Besitzer, 2013 ge- langte sie in den Besitz einer Holding, die der Erdogan-Partei AKP nahe steht. Geleitet wird sie vom Bruder des Schwiegersohns von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Die Zeitung gilt damit heute als ein wichtiges Sprach- rohr seiner Regierung. Über die Zeitung „Sabah“ von früher, als sie dort noch ar- beitete, und ihre jetzige Form sagt Isin Toymaz: „Zwischen der Zeitung von damals und von heute gibt es nur eine Gemeinsamkeit, und das ist der Name.“

Heute schätzt Isin Toymaz die Zahl türkischstämmiger Journalisten in Deutschland auf etwa 300 Personen. Die genaue Zahl sei nicht bekannt. Jour-nalismus betrachtet sie als eine Art Hal-tung. Deshalb sagt sie auch: „Leider hat die traurige Situation der Medien in der Türkei auch uns hart getroffen. So et-was wie arbeitslose Journalisten aber gibt es nicht. Vielleicht gibt es Journa- listen, die ohne Geld sind. Aber Journa-listen gehen ihren Weg.“

Isin Toymaz glaubt, dass in Zukunft vor Ort in Deutschland gegründete Me-dien doch erstarken könnten. Schon jetzt gäbe es eine Menge Neugründun-gen, die hier aufgewachsene Leser an- sprechen. Sie würden diese Zielgruppe besser ansprechen, glaubt sie.

Die Rheinlandpfalz / İsmail Kul